Liberté!

Es ist vorbei. Am 2. Oktober 2014 um 11:35 Uhr habe ich meine Entlassungsurkunde erhalten. Seit dem 3. Oktober bin ich auch ganz offiziell Zivilist. Und es geht mir richtig gut. Entlassen wurde ich als Folge eines Dienstunfähigkeitsverfahrens, das kurz nach meinem letzten Blog-Beitrag eingeleitet wurde.

Mit dem Kapitel KDV und Bundeswehr habe ich binnen weniger Tage abgeschlossen. Es besitzt für mich keine Relevanz mehr. Jetzt gucke ich vor allem in die Zukunft, möchte aber an dieser Stelle meine KDV-Geschichte noch abschließen. Gerne kann man mich aber weiterhin bei Fragen rund um dieses Thema kontaktieren – ich werde den Blog lediglich nicht weiter mit Texten bestücken.

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Der schwarze Hund

Winston Churchill litt unter Depressionen. Er nannte sie seinen „schwarzen Hund“. Diese Metapher beschreibt sehr gut, wie es mir in den letzten anderthalb Jahren seit der Stellung meines KDV-Antrags ergangen ist:

Warum gebe ich jetzt im Folgenden meine innerste Gedankenwelt preis? Zum einen, weil meine Depression untrennbar mit dem Verlauf meiner Bemühungen verbunden ist, nicht mehr Soldat zu sein. Zum anderen störe ich mich an der in vielen Teilen der Gesellschaft immer noch vorhandenen Stigmatisierung psychischer Erkrankungen. Deswegen möchte ich öffentlich Stellung dazu beziehen. Ich bin nicht verrückt, ich rede mir auch keinen Grund für ein Dienstunfähigkeitsverfahren als letztem Ausweg aus der Bundeswehr ein. Ich bin krank. Und diese Krankheit kann – und das ist eine echt gute Nachricht – geheilt werden.

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Gewissensgründe oder gewisse Gründe?

In der vergangenen Woche ist die neue Ausgabe der Univok, der Zeitung der Studierendenvertretung der Helmut-Schmidt-Universität / Universität der Bundeswehr Hamburg erschienen (Download hier). Das Titelthema dieser Ausgabe ist die Verweigerung des Kriegsdienstes an der Waffe durch studierende Soldaten. Neben zwei recht ausgewogenen und fairen Artikeln ragt dabei das Interview mit dem Leiter des Studentenfachbereichs B aus meiner Sicht inhaltlich deutlich negativ heraus (Univok 03/2013, S. 26 & 27, unten).

Nachdem er kurz darauf verweist, dass seit März 2013 studierende Offizieranwärter und Offiziere gemäß Erlasslage möglichst umgehend nach Stellung eines KDV-Antrags von der Universität weg in die Truppe versetzt werden, „versucht“ er nachzuvollziehen, warum Studenten seiner Universität zum Ende des Studiums einen Antrag auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer stellen:

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„Sie sind nicht berechtigt, den Kriegsdienst mit der Waffe zu verweigern.“

Weiterhin Soldat zu bleiben ist moralisch falsch. Mit dieser Feststellung, deren Ursprung in diversen Überlegungen und Gesprächen während meines vierjährigen Geschichtsstudiums an der Bundeswehruniversität Hamburg liegt, gab es für mich im späten Frühjahr keinen anderen möglichen Entschluss mehr als der Bundeswehr den Rücken zu kehren und einen Antrag auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer zu stellen. Leicht habe ich mir dies nicht gemacht.

Nicht nur, dass ich bei einem erfolgreichen Anerkennungsverfahren ziemlich schnell ohne geregeltes Einkommen und nur mit einem Geschichtsstudium – das sich die Bundeswehr übrigens in diesem Fall anteilmäßig erstatten lassen hätte – dagestanden hätte, ich musste mir auch eingestehen, dass das, was ich die letzten sieben Jahre mehr oder zum Schluss hin auch weniger überzeugt getan habe, auf einer moralischen Grundlage fußte, die offenkundig nicht genug reflektiert und bedacht gewesen war. Dies alles verblasst aber immer noch vor meinem jetztigen Wissen, dass das was ich tue moralisch falsch ist. Und deswegen wollte ich als mündiger Staatsbürger der Bundesrepublik Deutschland das in Artikel 4 Absatz 4 des Grundgesetzes festgehaltene Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung in Anspruch nehmen:

„Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden.“

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Akademische Freiheit und ihre ganz konkreten Folgen

„Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung“ (Art. 5 Abs. 3 GG). Die akademische Freiheit hat in der Bundesrepublik Deutschland verfassungsrang und gilt dementsprechend auch an den beiden Bundeswehruniversitäten in München und Hamburg. In den vier Jahren seiner Regelstudienzeit haben junge Offiziere und Offizieranwärter zum einzigen Mal in ihrer militärischen Laufbahn die Möglichkeit, sich selber zu finden und zu verwirklichen, ohne sich dabei ständig mit dem recht strukturierten Dienstbetrieb im truppendienstlichen Alltag im Konflikt zu befinden. Die Bandbreite dieser persönlichen Lebensentwürfe reicht von studierenden Soldaten über die soldatischen Studenten bis hin zu beinahe zivilen Studenten wie mir, die ihren militärischen Hintergrund in den vier Jahren ihres Masterstudiums nahezu komplett ausblenden konnten.

Diese vier Jahre an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg waren diejenigen, die letztendlich dazuführten, dass ich mich moralisch und ethisch immer weiter von meinem Dienstherren und seinem ideologischen Hintergrund immer weiter weg entwickelt habe, sodass ich zum Ende meines Geschichtsstudiums nichts anderes mehr wollte außer mein Dasein als Soldat schnellstmöglich zu beenden. Die EInflüsse und Überlegungen, die dazu geführt haben, möchte ich im Folgenden schildern, ohne allerdings dabei einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben.

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Vor Gericht

Seit über 48 Stunden ist mein Gewissen richterlich überprüft und anscheinend zweifelsfrei tötungstauglich. Damit bin ich einer von wenigen Soldaten der Bundeswehr, die von sich sagen können, dass der Staat ihnen attestiert, ohne moralische Probleme andere Menschen zu töten. Ein großer Sieg für die Bundesrepublik Deutschland! Nur ich kann es immer noch nicht fassen.

Rückblende: Am Dienstagmorgen wartete ich mit meinem Anwalt vor einem Gerichtssaal des Hamburger Verwaltungsgerichts in dem Glauben, dass mir die Judikative nun zu meinem Recht auf Kriegsdienstverweigerung verhelfen würde nachdem die Exekutive in Form des Bundesamts für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben aus mir nicht nachvollziehbaren Motiven daran gescheitert war. Die Beklagte, die Bundesrepublik Deutschland, wurde durch eine Juristin des BAFzA vertreten, gegen die ich bereits früher wegen grober Schnitzer in ihrer Klageerwiederung eine Dienstaufsichtsbeschwerde angestrengt hatte. Außerdem waren auch einige Zuhörer anwesend, deutlich mehr als bei einem solchen Verwaltungsverfahren normalerweise zu erwarten ist. Neben meinen Eltern, Freunden und einigen Soldaten, die in einem ähnlichen Verfahren stecken und sich vorab Informationen einholen wollten, war auch eine Handvoll Hauptleute der Hamburger Bundeswehruniversität in Uniform vor Ort. Prinzipiell finde ich es wunderbar, wenn sie sich eine unabhängige Meinung über den Ablauf eines solchen Verfahrens machen wollen. Dass sie sich dann aber wie eine Gruppe junger Grundschüler auf Klassenfahrt verhalten haben, empfinde ich einfach nur als peinlich. Doch dazu später mehr.

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Keine Zeit zum Nachdenken

Voller guter Absichten trat ich in die Bundeswehr ein und während der nächsten drei Jahre sollte ich diese auch nicht infrage stellen. Zum einen wurde ich während meiner Offizierausbildung immer wieder mit neuen Ausbildungsabschnitten und -inhalten konfrontiert, zum anderen wurde eine Auseinandersetzung mit den ethisch-moralischen Grundlagen des Offizierberufs von der Bundeswehr nicht gefördert – und vermutlich war diese auch gar nicht gewünscht, könnte der junge Soldat doch auf die Idee kommen, dass in einer Armee vielleicht doch nicht alles so toll ist wie man es sich vielleicht zu Beginn seiner Laufbahn naiverweise vorgestellt hat.

Ich selbst gehöre dem 75. Offizieranwärterjahrgang des Heeres an, der 2005 als letzter seiner Art zunächst 39 Monate zum Offizier ausgebildet wurde um dann weitere vier Jahre an den beiden Bundeswehruniversitäten zu studieren. Die restlichen knapp fünf Jahre meiner Dienstzeit soll ich im Truppendienst verbringen um 2017 dann meine insgesamt zwölfjährige Dienstzeit zu beenden. Der Großteil der Offizierausbildung für Angehörige der OpInfo-Truppe fand in diesem Ausbildungsmodell im Zentrum für Operative Information in Mayen statt. In den östlichen Ausläufern der Eifel gelegen, ist es von diesem Städtchen aus nicht weit bis zum Arsch der Welt, zumindest meint ihn von dort aus riechen zu können. Der Dank für dieses olfaktorische Grauen gebührt der ortsansässigen Papierfabrik. Der Geruch scheint neben einem unangemessen großen Gewerbegebiet das einzige herausragende Attribut des Mayener Talkessels zu sein. Filmfreunde erkennen vielleicht noch das Schloss Bürresheim, das sich unweit der Stadt befindet, das als Kulisse für den Film „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ diente.

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Wie alles begann

Ich bin ein Idealist. Und ein Gutmensch. Und ein Nerd. Ich war dies auch schon in meinem letzten Schuljahr am Gymnasium am Silberkamp in Peine, als der Begriff des Gutmenschen noch gar nicht erfunden und der gemeine Nerd an sich noch nicht so gesellschaftsfähig war wie er es heute dank Sheldon Cooper ist. Und was eigentlich keiner glauben mag, für den der Begriff Gutmensch als bloße Chiffre für einen realitätsfernen Hippie herhalten muss, hat mich genau diese Mischung aus Idealismus, Engagement und einem hohen moralischen Anspruch an mich selbst auf direktem Weg in die Offizierausbildung der Bundeswehr geführt. Frei nach dem Motto: „Be the change you wish to see in the world!“ Ich war damals einfach unglaublich naiv.

Als ich mich im Sommer 2004 erstmals mit einer möglichen Karriere bei der Bundeswehr befasst hatte, war ich in dieser Hinsicht nicht wirklich vorgeprägt. Sicher, ich wusste, dass es eine Bundeswehr gibt, ich hatte aus meiner Familie auch schon einige Anekdoten über das Soldatenleben gehört und fand es ganz super, dass in Afghanistan mit der  tatkräftigen Unterstützung deutscher Soldaten endlich Mädchenschulen, Brunnen und Brücken gebaut wurden. Der wichtige Aspekt hierbei für mich: Bundeswehrsoldaten helfen Menschen denen es schlecht geht und bauen ein zerstörtes Land wieder auf. Solche sinnvollen Sachen wollte ich nach der Schule auch machen.

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Was mache ich eigentlich hier?

Noch acht Tage. Dann entscheidet das Hamburger Verwaltungsgericht über meinen Antrag auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer. Diesen Antrag habe ich im am 11. September 2012 gestellt, also vor bald zehn Monaten. Damals habe ich gedacht, meine Argumente wären gut, würden den Sachbearbeiter überzeugen und ich wäre deutlich vor Weihnachten kein Offizier der Bundeswehr mehr. Es sollte anders kommen.

Um zu verstehen warum es soweit kam, warum ein Bundeswehroffizier, Jahrgangsbester seines Offizierlehrgangs , sich nach sieben Jahren Dienst entschließt, seinem Arbeitgeber und seinem Diensteid unwiderruflich den Rücken zuzukehren, muss man zurückschauen, mittlerweile schon ein knappes Jahrzehnt.

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